20. Treffen des Arbeitskreises Vormoderne japanische Literatur: Zeit in der vormodernen japanischen Literatur

足びきの 山鳥の尾の しだり尾の 長々し夜も 明けてける哉(道元)

Universität Zürich, 3.–5. Juli 2020

Organisation: Raji C. Steineck, Simone Müller, Sebastian Balmes

 

Nachdem bei zwei früheren Treffen des Arbeitskreises das Themenfeld „Raum“ im Mittelpunkt stand, soll beim nächsten Treffen die Kategorie „Zeit“ im Zentrum unserer Überlegungen stehen. So wie jedes menschliche Handeln (und Erzählen) nur in der Zeit vollzogen werden kann, so wird auch die Zeit in der Literatur immer wieder in neuer Weise realisiert und thematisiert. Literarische Werke sind weiter dadurch mit der Zeit verwoben, dass sie in einer bestimmten Zeitspanne geschrieben und (vor)gelesen werden. Obwohl die Zeit dabei eine Dimension unserer Lebenswirklichkeit ist, die wir alle zu teilen scheinen, kann sie sehr unterschiedlich empfunden und gestaltet werden. Dabei kommen auch kollektive und ästhetisch kodierte Zeitempfindungen und -bilder zum Tragen, die historisch, kulturell und sozial bedingt sind und teilweise generische „Zeitmuster“ aufweisen. So zeichnen sich verschiedene Textsorten durch ganz unterschiedliche Konzepte und Darstellungen von Zeit aus. Eine besonders markante Rolle spielt die Zeit in der mittelalterlichen Literatur, die von den buddhistischen Vorstellungen von Endzeit und Vergänglichkeit geprägt ist. Es lassen sich aber auch Texte ausmachen, denen divergierende Zeitvorstellungen zugrunde liegen. Die Frauen­tagebuchliteratur etwa durchzieht ein Konflikt zwischen subjektiver und sozialer Zeit; in den setsuwalaufen historiographische und phantastische Beschreibungen zusammen, die mit jeweils eigenen Zeitkonzepten verbunden sind. 

Auf inhaltlicher Ebene lässt sich untersuchen, wie Zeit explizit thematisiert wird, welche Zeiträume entworfen werden und welche Rückschlüsse dies auf Zeitvorstellungen und Weltbilder zulässt. Des Weiteren kann analysiert werden, in welcher Weise narrative Handlungselemente zeitlich strukturiert und verknüpft sind, einschliesslich des Verhältnisses von Erzählzeit zu erzählter Zeit. Auch lässt sich fragen, welche Zeitvorstellungen der japanischen Sprache zugrunde liegen (Tempus/Aspekt) und wie sich das auf die literarische Darstellung und den Ausdruck von Zeit auswirkt. Gegenstand der Untersuchungen können nicht nur schriftliche Texte, sondern auch ihre Aufführung und das darstellende Spiel sowie die bildende Kunst sein, soweit diese Texte mit einbezieht oder auf sie zurückgreift. Zum Beispiel kann danach gefragt werden, welche Formen der Zeitregulation in den performativen Künsten wie der Heike-Rezitation (heikyoku) oder dem Nō-Theater zum Ausdruck kommen. In Bezug auf die Malerei ist von Interesse, wie in dieser zeitliche Abfolgen ausgedrückt werden. Auch praktische Aspekte der Zeitregistrierung, -messung und -artikulierung können Beachtung finden. 

Mögliche theoretische Ansätze für zeitbezogene Untersuchungen sind etwa Bachtins Konzept des Chronotopos, Genettes Analyseparameter auf der Ebene des narrativen Textes (Ordnung, Dauer und Frequenz) oder Ricœurs hermeneutische Phänomenologie, aber auch soziologische und chronographische Ansätze (z.B. Maki Yūsuke, Günther Dux, Roland Harweg). Eine Untersuchung und gemeinsame Diskussion solcher Fragestellungen anhand ausgewählter Texte der japanischen Vormoderne hilft zu erschliessen, welcher Stellenwert Zeit in verschiedenen Lebensbereichen und literarischen Genres zukam und wie Zeit ästhetisch kodiert und verhandelt wurde.

Beitragsvorschläge – Kontaktdaten, Arbeitstitel und ein Abstract von bis zu 300 Wörtern – werden bis zum 31.10.2019 erbeten an: Raji C. Steineck (raji.steineck@aoi.uzh.ch), Simone Müller (simone.mueller@aoi.uzh.ch) und Sebastian Balmes (sebastian.balmes@aoi.uzh.ch)


 

Auswahlbibliographie

Bachtin, Michail M. (2008): Chronotopos. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Genette, Gérard (2010): Die Erzählung. 3. Aufl., Paderborn: Fink. 

Maki Yūsuke 真木悠介 (2003): Jikan no hikaku shakaigaku 時間の比較社会学. Tōkyō: Iwanami shoten 岩波書店.

Nagafuji Yasushi 永藤靖 (1979): Kodai Nihon bungaku to jikan ishiki 古代日本文学と時間意識. Tōkyō: Miraisha 未来社.

Nagafuji Yasushi 永藤靖 (1984): Chūsei Nihon bungaku to jikan ishiki 中世日本文学と時間意識. Tōkyō: Miraisha 未来社.

Ricœur, Paul (2007): Zeit und Erzählung, 3 Bde., übers. von Rainer Rochlitz. 2. Aufl., Paderborn: Fink.

Steineck, Raji C. (2018): „Chronographical Analysis: An Essay in Methodology“. In: KronoScope 18.2: 171–98. 

Weixler, Antonius / Werner, Lukas (Hgg.) (2015): Zeiten erzählen: Ansätze – Aspekte – Analysen. Berlin/Boston: De Gruyter (Narratologia 48).